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Buchtipp: Mark Blyth: Wie Europa sich kaputtspart

Der politische Ökonom Mark Blyth untersucht in seinem 2014 erschienenen Buch „Wie sich Europa kaputtspart“ das im englischen Originaltitel „Austerity, the history of a dangerous idea“ (2013) heißt, die Beispiele von Austerität in der kurzen Geschichte des Kapitalismus und stellt fest:
„Austerität ist die Strafe, die schmerzhafte Rückkehr zur Tugend nach der unmoralischen Party, nur dass sich nicht alle der schmerzhaften Diät unterziehen müssen. Wenige von uns waren zum Fest geladen, aber alle sollen wir die Rechnung bezahlen.“ (Mark Blyth, Seite 37)

 „Austerität funktioniert ganz offensichtlich nicht. Statt die Schulden zu reduzieren und Wachstum zu fördern, erhöhen die sparpolitischen Maßnahmen das Risiko von Staatsanleihen.“ (Mark Blyth, Seite 26)

Doch die Risiken sind weit aus größer:

„Die Zwischenkriegszeit enthält einige wertvolle Lehren darüber, weshalb Austeritätspolitik nicht funktioniert und, mehr noch, warum sie gefährlich ist. Eine internationale Währungsordnung zu konstruieren, die zur Deflation neigt und unter demokratischen Umständen nicht aufrechtzuerhalten ist, das ist die erste schlechte Idee. Zweitens hätte Einstein Recht. Wenn die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten, dann war es zweifelsohne wahnsinnig, die Austeritätspolitik ein ums andere Mal in einem Land nach dem anderen auszuprobieren. Es endete nicht gut. Abgesehen von einigen wenigen und kurzfristigen Aufschwüngen in den frühen 1920er-Jahren, als Länder noch nicht an den Goldstandard gebunden waren, scheiterte die Austeritätspolitik nicht einfach nur: Sie verlängerte und verschlimmerte die Wirtschaftskrise und trug zweifelsohne zu den Bedingungen bei, die zum Zwieten Weltkrieg führten.“ (Mark Blyth, Seite 266)

Blyth legt dar, wie ein Versagen der privaten Märkte in eine Verschwendungssucht von Staaten umgedeutet wurde, welche falschen Lehren über Wachstum, Investition und Wohlstand hinter der Austeritätspolitik liegen und wie diese vor allem in Deutschland und Österreich überleben konnten. Er beschreibt welche kriminelle Fantasie die Finanzbranche auf die Erfindung von gefährlichen „Finanzprodukten“ verwandte und wie diese schließlich zu einer der größten Krisen des Kapitalismus führten.

Der heutige Universitätsprofessor war ein Arbeiterkind und schreibt zur Motivation für dieses Buch: „Ich war ein Kind, das vom Wohlfahrtsstaat abhing. … Was mich also auf einer persönlichen Ebene zutiefst beunruhigt, ist nicht nur, dass die angeblich alternativlose Sparpolitik zu einer ungerechten Sozialisierung privater Kosten geführt hat (Arbeiter helfen Banken aus der Patsche), sondern auch, dass meine Art von Lebenslauf in Zukunft kaum mehr möglich erscheint. … Jugendarbeitslosigkeit hat in vielen Industrieländern ein Rekordniveau erreicht. Sparpolitik hat diese Probleme nicht gemildert, sondern verschärft. Den Wohlfahrtsstaat im Namen von mehr Wirtschaftswachstum und mehr beruflichen Möglichkeiten abzubauen, ist eine beleidigende Farce. Dies ins Gedächtnis zu rufen und sicher zu stellen, dass die Zukunft nicht nur einigen wenigen Privilegierten gehört, ist der Zweck dieses Buches.“ (Mark Blyth, Seite 19)

Der Autor geht auch den von den Befürwortern der Auseritätspolitik vorgebrachten Belege nach, wo die Austeritätspolitik angeblich funktionierte und resümiert, dass diese nur deshalb nicht in einem Desaster endeten, weil neben der Kürzung von Ausgaben auch andere Maßnahmen ergriffen wurden, die die negativen Auswirkungen mehr als kompensierten: Abwertung der Währung oder der Umstand, dass der Rest der Welt gerade boomte, so dass ein einzelnes Land durch Exportzuwächse die binnenwirtschaftliche Kontraktion ausgleichen konnte.

„Die opportunistische Versuchung (moral hazard) – das Problem, dass Institutionen Akteuren Anreize für leichtsinniges und verantwortungsloses Verhalten bieten – bildet den Kern aller 'Public-Choice'-Argumente der Neuen Politische Ökonomie. Sie deckt jeden möglichen Umstand ab und stiftet allseits Misstrauen. Dabei hält sie fälschlicherweise jegliche vertrauensbildende Maßnahme – diffuse Reziprozität, Normen der gegenseitigen Hilfeleistung, und so weiter – für naive Schwäche, die nur durch mehr Regeln und stärkeren Sanktionen auszumerzen ist, genau die Maßnahmen also, die Vertrauensbildung unmöglich machen. Soziales Kapital kann nicht alle 'Moral-hazard'-Probleme ausräumen. Aber wenn politische Entscheidungsträger alle sozialen Beziehungen als 'Principal-Agent'-Problem sehen, weil angenommen wird, dass eine Partei, die andere immer ausnutzen möchte, dann bleiben als einzige denkbare Lösungswege die Beseitigung institutioneller Ambiguitäten, die Verschärfung von Regeln und das Verfassen vermeintlich vollständiger Verträge. All das sieht verdächtig nach den gegenwärtigen Reformen in der Eurozone aus. Das Problem ist, dass Ökonomen genau das als opportunistische Versuchung bezeichnen, was normale Menschen für Vertrauen halten. Diese Versuchung lässt sich nicht eliminieren, ohne jegliche Grundlage für Vertrauen zu zerstören. Ohne einen gewissen Grad an regulatorischer Zweideutigkeit und ohne Normen der Gegenseitigkeit lässt sich kein Vertrauen herstellen. Das politische Projekt der Europäischen Union setzte auf Vertrauen, nicht auf das Ausmerzen opportunistischer Versuchung. Wie3 soll man eine Wirtschaft steuern, insbesondere eine pan-europäische Geldwirtschaft, wenn keine Vertrauensbasis existiert? Während das deutsche Word Schulden dieselbe Wurzel hat wie das Wort Schuld liegt der etymologische Ursprung des Wortes Kredit im italienischen credere (glauben). Geld, Vertrauen, Schuld und Glaube stellen Normen dar, nicht Regeln. Smith eigennützige und ordoliberale Regeln haben ihre Grenzen.“ (Blyth, Seite 212)

Wer mehr über die fatale Wirtschaftstheorie erfahren will, die schon seit ca. 100 Jahren als Zombi die Welt in Angst und Schrecken versetzt, lese das Buch von Mark Blyth.

Mark Blyth: Wie Europa sich kaputtspart. Die gescheiterte Idee der Austeritätspolitik

26,00 Euro ISBN 978-3-8012-0457-0, Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2014

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