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Karl Polanyi (neu) entdecken

Karl Polanyi war ein radikaldemokratischer freiheitlicher Sozialist. Gerade deshalb erstaunt es, dass JungdemokratInnen in ihrer Grundsatzarbeit diesen nicht wahrgenommen haben. Sein größtes Werk ist 1978 in Deutsch erschienen unter seinem englischen Titel: "The Great Transformation". Nun hat Michael Brie diesen Historiker, Ökonomen und Gesellschaftswissenschaftler neu entdeckt und in Beziehung zu aktuellen linken Theoriedebatten gesetzt und einen Dialog mit Nacy Fracer führen lassen.

Demokratie- und freiheitsfähige Gesellschaft schaffen

Karl Polanyi entwickelte seine eigene Vorstellung eines Sozialismus und stellte für diesen Kriterien auf. Freiheitsrechte und Demokratie sind für ihn die notwendigen Grundlagen einer sozialistischen Gesellschaft. Die Wirtschaft stellt er sich als ein Mischsystem mehrerer Wirtschaftsformen vor, in der es auch Märkte gibt, die allerdings strengstens reguliert und demokratisch kontrolliert werden müssen. Michael Brie schreibt hierzu: "Die Gesamtheit der Intentionen Polanyis kann man auch mit der Vorstellung zusammenfassen, die Wissenschaft und alle gesellschaftlichen Verhältnisse freiheits- und demokratiefähig zu machen und dafür die organisierte staatliche Macht gezielt einzusetzen." (Brie, Seite 83) Polanyi schreibt in "The Great Transformation" (TGT): "Die echte Antwort auf die drohende Bürokratie als Quelle des Machtmßbrauchs besteht darin, Bereich unumschränkter Freiheit zu schaffen, dei durch eiserne Regeln geschützt sind. Wie großzügig  die Verteilung der Macht auch gehandhabt werden mmag, es wird stets zu einer Stärkung der Macht im Zentrum und mit zu einer Gefährdung der individuellen Freiheit kommen. Dies gilt auch für die Organe demokratischer Gemeinschaften selber, ebenso wie für Berufsverbände und Gewerkschaften, deren Aufgabe der Schutz der Rechte jedes einelnen Mitglieds ist. ... Sie müssen so gestaltet sein, dass sie sich gegen jegliche Autorität durchsetzen, sei sie nun staatlicher, kommunaler oder beruflicher Art. An der Spitze dieser Liste sollte das Recht des einzelnen auf Arbeit unter akzeptablen Bedingungen stehen, unabhängig von seinen politischen oder religiösen Ansichten, Hautfarbe oder Rasse. Dies bedeutet unter anderem Schutz vor jeglichen, auch subtilen Formen der Unterdrückung." (TGT, Seite 338).

"Seine Vision" so Brie, "ist eine Gesellschaft einer Pluralität von Eigentums- und Vergesellschaftungsformen in der eine Pluralität von Akteuren ihre eigenen Lebensprozesse selbstbewusst und auf der Basis freier Verständigung über ihre Ziele und Mittel gestalten." (Brie, Seite 86)

Polanyis Sozialismus und die Verantwortung der freien Menschen

In einem Vortragsmanusktirpt aus dem Jahre 1927 schriebt Polanyi: "Werden aber all diese Problme sich im Sozialismus nicht von selbst auflösen, wird sich so mancher fragen, der sich den Sozialismus als ein wirtschaftliches Tischlein-deck-dich und als einen moralischen Automaten, als eine prästabilisierte Harmonie der Ethik verzustellen sich gewöhnt hat. 'Nein!' lautet die Antwort. Es werden im Gegenteil jene Veranwortungen, dei heute nur der ethisch Begabtere, die höherer entwickelte Persönlichkeit empfindet, in jener höher organisierten Gesellschaft allgemein empfunden werden und viel schwerer lasten, als sie es heute tun. Insolange in der Wirtschaft, wie es heute der Fall ist, Verantwortlichkeiten nur im Marktdiesseits bestehen, ist es leicht, sich über die Tatsache hinwegzutäuschen, dass jede Bedürfnisbefriedigung durch Arbeitsleid und Arbeitsgefahr anderer, durch Krankheit und tragische Unfälle anderer Menschen erkauft wird. Insolange überdies dieser Zustand mit der furchtbaren Eigentümlichkeit behaftet ist, für eine Mnderheit der Menschen einen persönlichen Vorteil zu bringen, benimmt einem das Gefühl der Empörung und die Wucht der ihr entspringenden Anklage, die das klare Bewussetsein unserer eigenen Verwantwortlichkeit für das verkümmerte, vernichtetet Menschenleben. Im Sozialismus, nach Überwindung des Ausbeutungsverhältnisses, verschwindet dieser emotionale Schleier des Ressentiments und wir müssen es einsehen lernen, dass selbst in der gerechtest organisierten arbeitsteiligen Wirschaft der Kampf des Menschen mit den Naturelementen, mithin das technische Problem der Produktion mit Müh und Plage, Unfreiheit und ertötender Qual, mit Gesundheit und oft mit dem Leben erkauft werden muss. Wer mutig den Tatsachen in die Augen sehen will, darf sich von dieser wichtigsten nicht verschließen. Des Spießers höchste Weisheit lautet: 'Alles auf der Welt kostet Geld.' Die Einsicht des Sozialisten aber lautet: 'Alles Gut kostet Arbeit, Entbehrung, menschliches Leben!' Heute schiebt sich noch das Privateigentum zwischen Mensch und Mensch und die Tatsache, dass sich am Produktionsprozess einzelne eigennützig bereichern, verdeckt vor uns den fundamentalen Zusammenhang, der zwischen den Kosumenten und den Produzenten unaufhebbar besteht und der mit dem Wegfall des Privateigentums unvermittelt und schroff hervortritt: Dass wir durch unsere Bedürfnisbefriedigung ihr Ausmaß und ihre Richtung, die Verantwortung für ihre gesellschaftlichen Kostern auf uns laden. Sie haben wohl schon alle von dem Philosophem vorm umgebrachten Chinesen gehört. Würde uns, so lautet es, durch ein Wunder die Gabe erteilt, durch einfaches Drücken auf einen Knopf jeder Wunsch, den wir hierbei äußern, sofort erfüllt zu sehen, jedoch um den Preis, dass bei jedem Niederdrücken des Knopfes im fernen Chjina einer der 400 Millionen Chinesen stirbt,  - wie viele Menschen würden sich wohl enthalten, auf den magischen Knopf zu drücken? Der zynische Franzose, von dem dieses Philosophem stammt, meinte, er würde richtige Fingerübungen auf dem gesegneten Knopf aufführen. Und wer so sprach, war ein sichtlich hochstehender Humanist, der wohl keiner Fliege ein Leid angetan hätte, wenn nur die Fliege nicht in China, sondern vor seienen eigenen Augen hätte unter Qualen verenden müssen, - Dieses skurrile Philosophem bietet uns das wahre Sinnbild jener Lage, in welche sich selbst der beste Mensch seinem Mitbürgern gegenüber heute befindent. Ein jeder der auf dem Markt einen entsprechenden Preis zu bieten vermag, kann unverzüglich alles hervorzaubern, was die Menscheit leisten kann. Die Folgen dieser Kusttricks, die fallen ins Marktjenseits. Von ihnen weiß er nichts, er kann von ihnen nichts wissen. Die ganze Menscheit besteht heute für jeden einzelnen dieser Menschen aus namenlosen Chinesen, deren Leben er, ohne mit der Wimper zu zucken, für die Erfüllung seiner Wünsche augenblicklich auszulöschen bereit ist und tatsächh auslöscht." (Karl Polanyi, Chronik der großen Transformation, Band 3, Seite 152f, Marburg 2005"

Um diese Verantwortung tragen zu können braucht der Mensch die Übersicht. Daher spricht sich Polanyi gegen einen Zentralismus und einen  Staatssozialismus aus, wo die Verantwortung auf den Staat abgeschoben werden kann. "Nur wenn ein jeder einzelne seine Stellung innerhalb der Gesamtproduktion in jedem Augenblick unmittelbar erfasst, wenn er den Zusammenhang zwischen seiner eigenen Bedürfnisbefriedigung und die der anderen real erlebt, nur wenn sich, endlich, der tatsächlich existierende, einzig reale Zusammenhang zwischen seiner eigenen Konsumtions- und Produzentenentätigkeit im gesellschaftlichen Maßstab ihm stets gegenwärtig ist, oder wenigstens sein kann, nur dann kann von einer übersichtlichen Wirtschaft, vom Sozialismus, auf seiner höchsten Stufe mit Recht gesprochen werden." (ebd. Seite 160)

Michael Brie beschreibt die Position Polanyis so: "... solange die Verhältnisse 'unübersichtlich' sind, solange ist auch der Kantsche Imperativ nicht einlösbar, ... Denn unabhängig von jeder Absicht und Maxime können die Folgen des Handelns unter den gegebenen Bedingungen einer Marktgesellschaft die Freiheit anderer einschränken oder zerstören. Ausgehend von dieser Einsicht formuliert Polanyi einen radikal neuen Freiheitsbegriff, der zugleich die individuelle Verantwortung wie die Notwendigkeit gesellschaftlicher Umgestaltung einschließt. Seine Bestimmung des Zusammenhangs von Freiheit und Verantwortung nimmt die negativen Freiheiten als gegeben an und fragt von hier aus, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen mit dieser Freiheit überhaupt so umgehen können, dass sie anderen nicht schaden, sondern nützen." (Brie Seite 42)

Märkte und was dort nicht gehandelt werden darf

Zwar gibt es bei Polanyis Sozialistischer Gesellschaft noch Märkte, aber Boden [Natur], Arbeit und Geld dürfen nicht über Märkte geregelt werden, diese sind über demokratische Institutionen zu regeln. "Der Mechanismus des Marktes ist über den Begriff der Ware mit den verschiedenen Elementen der gewerblichen Wirtschaft verzahnt. Wesen werden hier empirisch als Objekte definiert, die für den Verkauf auf dem Markt erzeugt werden; Märkte wiederum werden empirisch als die tatsächlichen Kontakte zwischen Käufern und Verkäufern definiert. Somit wird angenommen, dass jegliches Erzeugnis der gewerblichen Wirtschaft für den Markt produziert wurde, da es dann, und nur dann, dem Angebots- und Nachfragemechanismus unterliegt, der wiederum mit dem Preis zusammenwirkt. In der Praxis bedeutet dies, dass es für jedes Element der Produktion Märkte geben muss, dass jedes dieser Elemente auf diesen Märkten in eine Angebots- und eine Nachfragegruppe eingeteilt ist, und dass jedes Element ein Preis hat, der sich durch Nachfrage und Angebot bildet. Diese Märkte - es sind unzählige - sind untereinander verbunden und bilden einen einzigen großen Markt. Der entscheidende Punkt ist aber diese: Arbeit, Boden und Geld sind wesentliche Elemente der gewerblichen Wirtschaft, sie müssen ebenfalls in Märkten zusammengefasst sein, und diese Märkte bilden sogar einen unerläßlichen Teil des Wirtschaftssystems. Indessen sind Arbeit, Boden und Geld ganz offensichtlich keine Waren: die Behauptung, dass alles, was gekauft und verkauft wird, zum Zwecke des Verkaufs produziert werden musste, ist in bezug auf diese Faktoren falsch. Mit anderen Worten, nach der empirsischen Definition der Ware handelt es sich nicht um Waren. Arbeit ist bloß eine andere Bezeichnung für eine menschliche Tätigkeit, die zum Leben an sich gehört, das seinerseits nicht zum Zwecke des Verkaufs, sondern zu gänzlich anderen Zwecken hervorgebracht wird; auch kann diese Tätigkeit nicht vom restlichen Leben abgetrennt, aufbewahrt oder flüssig gemacht werden. Boden widerum ist nur eine andere Bezeichnung für Natur, die nicht vom Menschen produziert wird; und das eigentliche Geld, schließlich, ist nur ein Symbol für Kaufkraft, das in der Regel überhaupt nicht produziert, sondern durch den Mechanismus des Bankwesens oder der Staatsfinanzen in die Welt gesetzt wird. Keiner dieser Faktoren wird produziert, um verkauft zu werden. Die Bezeichnungen von Arbeit, Boden und Geld als Waren ist somit völlig fiktiv." (TGT, Seite 107f)

Wenn man diese doch als Waren behandelt und selbstregulierenden Märkte überließe, dann "würde dies zur Zerstörung der Gesellschaft führen. Die angebliche Ware 'Arbeitskraft' kann nicht herumgeschoben, unterschiedslos eingesetzt oder auch nur ungenutzt gelassen werden, ohne damit den einzelnen Träger dieser spezifischen Ware, zu beeinträchtigen. Das System, das über die Arbeitskraft eines Menschen verfügt, würde gleichzeitig über die physische, psychologische und moralische Ganzheit 'Mensch' verfügen, der mit dem Etikett 'Arbeitskraft' versehen ist. Menschen, die man auf diese Weise des Schutzmantels der kulturspezifischen Institutionen beraubte, würden an den Folgen gesellschaftlichen Ausgegrenztseins zugrunde gehen; sie würden als die Opfer akuter gesellschaftlicher Zersetzung durch Later, Perversion, Verbrechen und Hunger sterben. Die Natur würde auf ihrer Elemente reduziert werden, die Nachbarschaften und Landschaften vermutzt, die Flüsse vergiftet, die miltitärische Sicherheit gefährdet und die Fähigkeit zur Produktion von Nahrungsmitteln und Rohstoffen zerstört werden. Schließlich würde die Marktverwaltung der Kaufkraft zur periodischen Liquidierungen von Wirtschaftsunternehmen führen, da sich Geldmangel und Geldüberfluss für die Wirtschaft als ebenso verhängnisvoll auswirken würden, wie Überschwemmungen und Dürreperioden für primitive Gesellschaften. Märkte für Arbeit, Boden und Geld sind für eine Marktwirtschaft zweifelslos von wesentlicher Bedeutung. Aber keine Gesellschaft könnte die Auswirkungen eines derartigen Systems grober Fiktionen auch nur kurze Zeit ertragen, wenn ihre menschliche und natürliche Substanz sowie ihre Wirtschafsstruktur gegegen das Wüten dieses teuflischen Mechanismus nicht geschützt würden". (TGT, Seite 108f)

"In Polanyis 'Common Man's Masterplan' von 1943 werden eine Reihe von 'Einstiegsprojekten' genannt, wie sie dann auch am Ende der Great Transformation aufgerufen werden: 'Regulierte Märkte bedeuten Märkte, für die es keine ergänzenden Märkte für Arbeit, Land und Geld gibt. Sicherheit ist nur möglich in einer Gesellschaft, die reich genut ist, die Not zu bannen, ohne auch nur die Frage nach dem Motiv zu arbeiten, überhaupt zu stellen. Die Freiheit der willkürlichen Verweigerung von Erwerbsarbeit muss beschränkt sein. Die Freiheit der willkürlichen Entlassung muss beschränkt sein. Die Freiheit unbegrenzter Profite muss beschänkt sein. Die unbegrenzten Rechte des Privateigentums müssen beschränkt sein. Die am Gemeinwohl orientierten Formen von Unternehmen müssen gefördert werden. Die plastische Gesellschaft erreicht. Die hilflose Gesellschaft überwunden. Das Konzept von Freiheit reformiert. Das Christentum transzentdiert. Die Philosophie des einfachen Mannes etabliert.' (Polanyi, Common Man's Masterplan in Brie 2015, Seite 127)."(Brie, Seite 78f)

 

Buchhinweis:
Michael Brie: Polanyi neu entdecken. Das hellblaue Bändchen zu einem möglichen Dialog von Nacy Fraser & Karl Polanyi, Hamburg 2015, VSA-Verlag.
Karl Polanyi: The Great Transformation, Frankfurt, 1978
Karl Polanyi: Chronik der großen  Transformation, Band 3, Marburg 2005

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