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Epidemologie des Geistes - Die (Corona-)Krise der Kritik

In seiner »Phänomenologie des Geistes« aus dem Jahr 1807 schreibt Hegel: »Inzwischen, wenn die Besorgnis, in Irrtum zu geraten, ein Mißtrauen in die Wissenschaft setzt, welche ohne dergleichen Bedenklichkeiten ans Werk selbst geht und wirklich erkennt, so ist nicht abzusehen, warum nicht umgekehrt ein Mißtrauen in dies Mißtrauen gesetzt und besorgt werden soll, daß diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.« (S. 69) Dass die Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist-dem kann sicher zugestimmt werden, denn Irrtümer sind so unausweichlich wie notwendig für jeden Erkenntnisfortschritt. Aber indem Hegel fordert, es solle ein Misstrauen gegen das Misstrauen in die Wissenschaft gesetzt werden, zeigt sich, dass es auch in dieser Frage unbedingt erforderlich ist, Hegel »vom Kopf auf die Füße« zu stellen, wenn man verstehen will, woran der Geist (der Kritik) in dieser Zeit der Krise krankt. Denn das tut er. Fast wähnt man ihn schon tot, ausgestorben, allerorten. Keine Phänomenologie des Geistes ist also erfor-derlich, sondern vielmehr eine Epidemiologie des Geistes, eine Untersuchung, wie sich die »Krankheit« (d.h. die Schwächung) der Kritik verbreitet. Denn der Geist äußert sich immer als Kritik. Wo die Kritik verstummt-und ich höre dieses Verstummen schreien-, dort herrscht der Ungeist. Manche nennen ihn auch Sachzwang. Doch wer wurde je durch eine Sache gezwungen?-Der Zwang geht immer von denen aus, die die Sache gebrauchen. Meist ist es ein Missbrauch, und oft schweigen die Opfer des Missbrauchs. Das ist ein bekanntes Phänomen. Und es macht krank. Vor allem wenn dieses Schweigen, diese Krankheit, so um sich greift, wie aktuell.

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von Horst Eberlein