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WDR-aktuell als Beispiel für schlechten Journalismus

Die Sendung von WDR-Aktuell zu der Initiative #allesdichtmachen mit einem Interview mit dem Schauspieler Jan Josef Liefers zeigt, wie absolut unterirdisch schlechter Journalismus in den öffentlich-rechtlichen Medien aussehen kann. Bösartige Unterstellungen, eine sehr eigenwillige Interpretation der Aussagen des satirischen Videos von Liefers und die Konstruktion von Zusammenhängen, die nur der Diskreditierung unliebsamer Meinung und der diese Meinung vertretenden Person dienen, ziehen sich durch den gesamten Beitrag. Keine einzige Frage, die die professionelle Neugierde eines aufklärerischen Journalisten zeigt und vom Gesprächspartner die Aufklärung eines Vorgangs aus dessen Sicht entlockt und dessen Gedanken über die Zusammenhänge zum Vorschein bringt. Stattdessen hat dieses Interview starke inquisitorische Züge, die vom vorher schon als "schuldig" erkannten Delinquenten ein Geständnis entpresst und den Ketzer zum Abschwören und Büßen an den öffentlich-rechtlichen Pranger stellt.

Ein Journalist ist kein Richter. Ein Journalist muss auch nicht alles für bare Münze nehmen, was der Interviewte als Antwort anbietet und sollte kritisch nachfragen, um die Hintergründe zu erkunden, Widersprüche in der Argumentation aufzuspüren und sich so der "Wahrheit" anzunähern. Allerdings ist ein Journalist kein Gott, der besser weiß, was der Interviewte denkt als dieser selbst.

Wieso Liefers die im Gesundheitswesen schuftenden Pfleger:innen verhöhnen soll, erschließt sich mir nicht. Es wäre doch viel näherliegend, den Umstand als zynisch zu bezeichnen, dass diejenigen, die verantwortlich dafür sind, dass Krankenhäuser zu Aktiengesellschaften verwandelt und wegen der Renditeerwartungen durch Personalabbau und Optimierung der Kapazitätsauslastung zu Profitcentern verkommen sind, diesen Zustand jetzt als Argument dafür nehmen, dass diese Gesellschaft jetzt lahmgelegt wird und das Personal unterbezahlt bis zum Rande der Erschöpfung schuftet. Herr Liefers hat damit sicherlich nichts zu tun. Wo sind nun diese öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalisten, die beharrlich nachfragen, warum Krankenhäuser und Betten 2020 abgebaut wurden und ob 2021 weitere Einschnitte zu erwaten seien. Oder warum keine Gesetzesreform zur Neuausrichtung des Gesundheitssystems nach dem größten Nutzen für das Wohl und die Geneßung von Patienten als gemeinwirtschaftliches Unternehmen von dieser Regierung innerhalb des letzten Jahres vorgelegt wurde, aber an einem Infektionsschutzgesetz in Version III gebastelt wird, welches die Grundrechte der Bürger:innen massiv einschränkt?

Verharren in der selbstverschuldeten Unwissenheit und damit die strikte Weigerung den eigenen Verstand zu gebrauchen

Der gottähnliche "Journalist" weiß auch, dass die Corona-Maßnahmen zielführend sind und kennt die Auswirkungen auf die Gesundheit von anderen Menschen ohne dass hierzu entsprechende belastbare Studien nach wissenschaftlichen Standards von unabhängigen Forschungseinrichtungen durchgeführt werden. Genau dieses Verharren in der selbstverschuldeten Unwissenheit und damit die strikte Weigerung den eigenen Verstand zu gebrauchen im Sinne der Aufklärung wird von Liefers und seinen Kolleg:innen eindringlich und überzeugend eingefordert. Denn was die beste Lösung ist, ist erst im Nachhinein - nach dem Austausch von Argumenten und deren abwägen und In-Beziehung-setzen am Ende eines öffentlichen und offenen Diskurses - möglich.

Alleine die Tatsache, dass Professor Bhakdi trotz einer Petition, die 63000 Zuschauer:innen unterzeichneten, nicht im Streitgespräch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit Drosten, Wieler, Lauterbach und Wodarg seine Argumente messen konnte oder die Studien des renommierten Mediziners von der Stanford-Universität Ioannides zu Lockdowns nicht im öffentlichen Rundfunk adäquat besprochen und Politiker und Politikberater bisher nicht um eine Würdigung der Erkenntnisse aus dieser Studie gebeten wurden, zeigt, das schwerwiegende Versagen dieses öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Vernachlässigung ihres demokratischen Auftrags. Journalisten sind keine elitären Lehrer, sondern haben die Aufgabe zu informieren und aufzuklären und die Bürger:innen zu befähigen, sich eine eigene Meinung zu bilden aus einem Bündel von vielen konträren relevanten Meinungen. Und Herr Bhakdi, dessen Bücher die Sachbuch-Bestsellerlisten anführen vertritt eine relevante Position in diesem gesellschaftlichen Diskurs auch wenn man diese nicht teilen muss. Ein Beispiel wie so eine erhellende Sendung aussehen kann zeigt das modertierte Expertengespräch von Mansmann und Bhakdi bei der Deutschen Welle, dem deutschen Auslandsstaatssender ähnlich Russia Today.

Diese Liste von Verstößen gegen den öffentlich-rechtlichen Auftrag ließe sich noch weiter führen. Warum wird den Aerosolphysikern, die sich mit der Ausbreitung von kleinsten Tröpfchen im Raum befassen, unterstellt, sie könnten Aussagen dazu treffen, ob Menschen sich in Raum durch Aerosole auch infizieren können? Für einen guten Journalisten wäre diese Aerosoltheorie der Ausgangspunkt für weitergehende Fragen, die allerdings ganz andere Fachleute und sicherlich keine Phsysiker beantworten müssten:

Wie lange überleben Viren in solchen Feinsttröpfchen und was führt zum Absterben dieser Viren in den Aerosolen? UV-Licht? Sauerstoff? CO2? Welche weiteren Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit sich ein Mensch dadurch infizieren kann? Wie wahrscheinlich ist dies? Welche evidenzbasierten medizinischen Studien gibt es hierzu oder sind derzeit in Arbeit? Wenn nicht, warum nicht?

Dies ist nur ein kleines Beispiel dafür, warum ich die journalistische Leistung der öffentlich-rechtlichen Medien als völlig ungenügend empfinde und empfehle, diese arbeitsmüden "Journalisten" zu einer beruflichen Weiterbildung zu schicken. Langfristig muss die Organisiation und Kontrolle der öffentlich-rechtlichen Medien neu konzipiert werden, so dass ein derartiger Totalausfall eines demokratischen, kritischen, überparteilichen, nicht-elitäteren  und unabhängigen Bürgerfunks künftig verhindert wird. Hierzu gibt es schon Vorarbeiten von verschiedenen Medienwissenschaftler:innen.

Interwie zu „Und der Rundfunk würde plötzlich wieder denen gehören, die dafür bezahlen müssen“

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