Elend der Milliardäre in der Krise

Zählen wir mal nach. Ein kurzer Blick in die Statistik der Milliardäre dieses Planeten fördert Interessantes zutage – bei aller erlaubten Vereinfachung. Jeff Bezos, Gründer und Eigner von Amazon, der weltweiten Daten-Abhörkrake (Alexa), die ihren Beschäftigten Hungerlöhne bezahlt, und deren Geschäftsmodell den Einzelhandel zerstört, führt die Liste der Reichsten dieser Erde mit 104,4 Mrd Dollar an, dicht dahinter Bill Gates mit 99,2 Mrd. und die Familie Bernard Arnault (Frankreich) mit 86 Mrd. Dollar. Es folgen Warren Buffet mit 71,5 Mrd, Armancio Ortega (Spanien) 59,5 und Marc Zuckerberg 57,4 Mrd. Insgesamt gab es Mitte März 2018 auf der gesamten Erde 2.208 Milliardäre – das sind fast achtmal so viele wie 1992. Für 2019 verzeichnet die Statistik einen Rückgang auf 2.153 Milliardäre – die weltweite Automobil-Absatzkrise und Trumps Wirtschaftskrieg mit China scheint auch die Reichsten nicht ungeschoren gelassen zu haben.

Derzeit haben Millionen Menschen rund um den Erdball Angst um ihre Existenz, um ihren Arbeitsplatz, oder gar um ihr Leben. In den Vereinigten Staaten ist es am deutlichsten zu sehen, dass die Corona-Krise die sozial Schwachen am schlimmsten trifft. Vor allem die schwarze Bevölkerung leidet unter Corona, unter ihnen finden sich überproportional viele Todesopfer – sie stellen in mehreren Staaten 70% der Toten, wo nur 30% der Bevölkerung Afroamerikaner sind. Nicht Corona ist rassistisch: Das kapitalistische Wirtschaftssystem wirkt sich in seinem Stammland besonders rassistisch aus.

Nach den Krisen: Verdoppelung der Gewinne

Da stellt sich die Frage, ob die Reichsten dieses Planeten ähnliche Ängste ausstehen müssen. Ein weiterer Blick auf die Reichenstatistik kann da zumindest Anhaltspunkte geben. Der Crash am sogenannten “Neuen Markt” 2002/03 verzeichnet den ersten Einbruch im jährlich steigenden astronomischen Beutezug der Spekulationselite. Tatsächlich gab es 2001 genau 538 Milliardäre. Die Zahl ging 2002 “dramatisch” auf 497 und 2003 auf 476 zurück, um bereits 2004 wieder mit 587 den Höchststand von 2001 zu übertreffen. Das Elend der Reichen schien sich – zumindest statistisch gesehen – in Grenzen zu halten. Die Finanzkrise 2008/09, in der die Banken gerettet werden mussten, schlug sich ebenso kurzfristig im Club der Superreichen nieder. Hatte sich fünf Jahre nach dem Crash die Zahl der Milliardäre gegenüber 2001 auf 1.125 mehr als verdoppelt, brach sie nun abermals ein. Auf 793 Milliardäre 2009, um sich über 2010 mit 1011 bereits 2011 wieder mit 1.226 Milliardären den nächsten Rekord aufzustellen. So sieht das Elend der Superreichen in der Krise aus. Eine Krise hat es also, wir haben die Zahl von 2019 nicht vergessen, schon vor “Corona” gegeben.

Angesichts Corona wäre es notwendig, dass alle zusammenstehen. Die Gefahr scheint jedoch exorbitant zu sein, dass auch in dieser Krise die Armen dieses Planeten von Armut, Elend und Tod getroffen werden, die Superreichen aber ziemlich unbeschadet aus der Krise hervorgehen. Schließlich hat “Oxfam” nicht ohne Grund festgestellt, dass die Zahl der Menschen, denen mehr als die Hälfte der Welt gehört, sich jedes Jahr reduziert und inzwischen bei 26 angelangt ist. Staatenlenker wie die G7, die EU und andere müssten nun eigentlich angehalten sein, sicherzustellen, dass die “Hilfspakete” von 500 Milliarden in der EU anders als 2009 so gestaltet werden, dass sie die soziale Ungleichheit nicht weiter steigern. Also müssten Gesetze beschlossen werden, um die Macht von Monopolisten wie Amazon und Google, Facebook und Microsoft, von Ölkonzernen, Chemiegiganten, Banken und Finanzjongleuren wie Blackrock zu begrenzen. Eine Diskussion darüber ist aber bisher nicht in Sicht.

Regulierungen und Regierungen zum Überleben der Menschheit gefragt wie nie

Deshalb wäre es an der Zeit, einen provokativen Vorschlag der Jungsozialisten von 1972 aufzugreifen, den ja vielleicht Kevin Kühnert einmal prüfen könnte. Im Bundestagswahlkampf 1972 gab es eine freche Kampagne der Jusos unter dem Motto: “5.000 Mark im Monat sind genug!”. Übersetzt auf die Verhältnisse der Gegenwart könnte der politische Vorschlag auf internationalem Niveau lauten: “Eine Milliarde pro Person ist genug.” Da wir ja keine Kommunisten sind, wäre es also an der internationalen Staatengemeinschaft, angesichts der weltweiten Krise im Rahmen eines “Gerechtigkeitspakets” zu Notmaßnahmen zu greifen und auch private Vermögen fürs Gemeinwohl einzusetzen. Allein bei den 25 reichsten Oligarchen des Planeten kämen da aktuell 1.202,6 Milliarden Dollar, das sind 1,2 Billionen, zusammen. Bezöge man alle Milliardäre nur mit einer weiteren Milliarde Beitrag ein – sie verfügen sicher über mehr, das ist aber aus den verfügbaren Statistiken nicht ersichtlich – kämen schon 3.385 Milliarden Dollar zusammen. Die Antwort auf die Frage, wer denn die gesamten Hilfsprogramme der EU, der USA und der nationalen Regierungen weltweit finanziert, wäre konkret zu beantworten.

Anders als bei der Krise am “Neuen Markt” und der Finanzkrise 2008/09 würden dann nicht die Staaten und damit die vielen kleinen Leute, die wirklich Steuern zahlen, sondern ausnahmsweise mal die allzeitlichen Gewinner der Ungerechtigkeit einen Beitrag zum Fortbestand des Gemeinwesens auf der Erde leisten. Als Konjunkturprogramm, Investition in eine weltweit funktionierendes Gesundheitssystem, weltweite Infrastrukturleistungen und den ökologischen Umbau der Energie- Wasser und Wohnwirtschaft. Das wäre doch einmal ein Konjunkturprogramm zur Verbesserung der Verhältnisse auf dem gesamten Planeten Erde. Mit weltweiter sozialökologischer Marktwirtschaft.

Nach Corona einfach weiter so?

Wer glaubt, nach Corona ginge alles so weiter wie vorher, alle würden im Hamsterrad drehen, die selben sinnlosen Konsumsüchte befriedigen, mit Ryanair für 12,99 nach Mallorca, die dritte Kreuzfahrt pro Jahr wäre unumgänglich, nur um die Akkumulation von Reichtum in den Händen Weniger zu bedienen, rücksichtslos der Umweltzerstörung im Profitinteresse zu folgen, wird sich täuschen. Denn nun, liebe Leser*innen, haben Sie aufgrund der Corona-Massnahmen ganz individuell viel Zeit und Verantwortung, um nachzudenken, wessen persönlichen Interessen, Machthaber, Oligarchen, Diktatoren, Institutionen und Ideologien uns alle vielleicht daran hindern mögen, ein Wirtschaftswunder der Gerechtigkeit, Demokratie und Humanität in die Tat umzusetzen. Dass bestimmt nicht Rassismus, Nationalismus, Hass und die Zerrüttung sozialen Zusammenhalts ein Weg aus der Krise weisen können, sollten manche schon gelernt haben. Wenn nicht nach dieser Krise – wann dann sollen wir alle etwas ändern? Vielleicht bekommen wir jetzt für die gesamte Menschheit so eine winzige Chance, die Verhältnisse zum Besseren zu wenden. Und vielleicht auch – aus der Not geboren – eine Reichensteuer.